yes, it ain’t easy….

Um halb zwei werde ich wach, eher kurz vor zwei oder kurz nach, ich weiß es nicht mehr genau. Der Körper ist ganz nah, ich bin zusammengerollt wie eine gefesselte Mumie der Mayas. Der Körper tut grausam weh, in die untere Wirbelsäule ist eine glühende Stange des Teufels gerammt, die Rippen, das Genick, die Wirbelsäule brennen mit in diesem Höllenfeuer. Mein Herz rast, jede Zelle ist entzündet, mit grausam wacher Deutlichkeit wird mir bewusst, dass ich sterben werde. Nicht heute Nacht. Nicht Morgen, Anytime.

 

Bevor ich brutal aus Morpheus Armee gerissen wurde, schon die Umarmung zwei Stunden vorher war alles andere als leicht, hatte ich einen Traum, einen kurzen. Ich rief R. zu, dass ich schreckliche Schmerzen habe, er sagte: „Gut so“, und ging weiter. Ich knallte ins Erwachen. In meinen dünnen Mumienkörper. Er war mir so nah, wie noch nie in meinem Leben. Mit noch nie dagewesener Klarheit, kristallklar wusste ich, ich werde sterben. Nicht jetzt, aber irgendwie absehbar. Unfassbare Schmerzen.

Es war ja eine Weile ganz gut gegangen. Schon Schmerzen und Beunruhigungen, aber Not over the top. Es blitzten Momente auf, in dem alles normal schien, ich wieder Teil unseres Realitätenkonstrukts war, weit entfernt der Sterblichkeit, hier für immer, wie alle anderen um mich herum, die unsterblich sind. Eins ist klar, ich bin die einzige, die sterben wird, vermutlich in nicht allzu ferner Zeit. Völlig abstrakt, trotz höllischer Schmerzen.

 

Am 9.7. ruft mich abends Prof. H. an, er hat die Auswertung des neuen MRT vom 7.7. und 8.7. bekommen. Er sagt, wir müssen die Therapie andern, zwar sind die bestrahlten Metastasen nicht gewachsen, aber in den Rippen und an anderen Stellen schon und auch neue hinzugekommen. Jetzt soll ich Aromasin/Exemestan nehmen. Der nächste Haarausfall ist garantiert. Das stört mich am meisten.

 

Der Bericht schließt mit folgenden Worten: Bei bekannter ossärer Metastasierung aktuell Progredienz der Wirbelkörper Metastasen, einzelne vorbeschriebene Metastasen zeigen sich größenprogredient, speziell im Bereich der LWS auch Nachweis neuaufgetretener metastatischer Liäsionen.

 

Seine Stimme verrät echtes Bedauern und Anteilnahme. Ich bin nicht überrascht, schon seit einigen Wochen waren die Schmerzen stärker geworden. Es haut mich um. Keine Wunderheilung, keine Spontanremission.

 

Kurzes heftiges Weinen. Dann schaue ich ‚Suits’ mit Severin und Balwinder.

 

Am Morgen liege ich elend im Bett. Nix hat geholfen, der Verzicht auf Zucker und alles was süß ist, Verzicht auf Brot, Kuchen, Eis, Säfte, Schokolade und so weiter, du so weiter – alles umsonst. Die ganzen Heilungsversprechen – alles Makulatur.

Im wesentlichen Rohkost. Beten, Meditieren, Antihormone, Bestrahlungen, hochdosiertes Vitamin C, Alphaliponsäure, Detox, alles, alles umsonst, es geht einfach immer weiter. Karmical mechanical. Eine Selbstvernichtungsmaschine vermutlich von mir in Gang gesetzt uns unstopable. Ich bleibe jetzt liegen. Eine Welle der Hoffnungslosigkeit.

Nein, auf, was tun. Ich gehe langsam zum Fittnesstudio, 2km von mir entfernt. Dort treffe ich Christa. Sie will gegen den Jugendverlust kämpfen, ich gegen den Tod. Sie meldet sich dann doch nicht an, lieber noch Eigenregie der Bewegung, Tennis mit Rainer und Tischtennis mit Rupert und Arnold, doch noch keinen Maschinenpark, noch nicht. Ich schon. Am Laufrad kann ich mich festkrallen, wenn die Schmerzen zu groß werden und die zu stemmenden Gewichte sollen die verlorene Knochenmasse wiederbringen, den entarteten, unsterblichen, in die Ewigkeit und über den Wirt hinaus wuchernden Primitivzellen ein deutliches Nein entgegensetzen.

 

Mit Gott hadere ich nicht mehr. Er hat damit nicht zu tun.

 

Es ist Jutta, die ist relativ, die leidet. Und das Wirkliche, die reine Seele ist nur Wissende und Sehende davon.

 

Das ist das schwerste der Welt. Und Jutta steckt drin. Trotzdem gehe ich jeden zweiten Tag ins Studio, laufe nach zwei Wochen 50min auf dem Laufband, bzw. gehe schnell, 6,2km geschwind und eine Strecke von 5km insgesamt. Bilde ich mir ein, dass die Schmerzen besser sind? Wahn oder Wirklichkeit.

 

Ich soll Exemestan nehmen. 25mg. Aromatosehemmer, die sollen jegliche Hormone in mir unterbinden, die Schulmedizin macht Versprechungen. Alternative Medizin sieht darin den Teufel. Natürlich ist es ein Medikament mit schrecklichen Nebenwirkungen, und 10% Chancen – in der Zweitlinie, also nach Taximofen, dass das Überleben etwas hinausgezögert wird. Um Leben geht es schon gar nicht mehr.

 

Ich glaube an keine Medizin mehr, als Heilung in meinem Fall. Wenn die Karmamaschine präzise läuft, man kann auch sagen erbarmungslos, ist nichts mehr zu machen. Sie ist so perfekt wie diese Welt. Der Schrecken und die Ekstase sind eins, die Lust und das Angewidertsein – eins. Eins sind alle Dualitäten.

Wenn alle, indischen, europäischen und alle anderen Erleuchtungsweisheiten wirklich so eine vielsprechende Technik wären, wie das smartphone, hätten wir einen erleuchteten Planeten. Eigentlich will sie keiner. Solange das Ego denkt, es wird erleuchtet ist allerbesten Dinge, projiziert die schönsten Tempel und Welten, märchenhafte Geliebte und weisheitsdrunkene Götter. Himmel über Himmel aus feinstem Gedankenstoff gewebt, und so wirklich. Doch. Und für immer.

 

Für immer. Das ist das magische Versprechen.

 

Seit einigen Tagen war ich nicht mehr im fitness, gerade denke ich, vielleicht komme ich da nie wieder hin. Die unteren Rückenschmerzen wüten wie ein hunriges Rudel Wölfe. Sie wollen mich umbringen. Ich schwitze. Es gibt kein Entrinnen. In der Wohnanlage ist Dr. F.. Er gibt mir Infusionen um das Immunsystem zu stärken. Er glaubt an die Ordnung der Seele und das ich im Chaos ersoffen bin. Ich gebe im Recht und weiß, dass er nicht das ganze Ausmaß kennt, nicht meine Unterweltsfahrten in der Nussschale, nicht meinem Pakt mit dem Teufel, nicht meine Wut und meinen Hass, meine Selbstzerstörung und meine hilflosen, verzweifelten Versuche in der Welt Fuß zu fassen. Meine Hybris.

 

(Zwei Wochen Pause)

 

21.8.14

Wahnsinnige Schmerzen. Zu früh aus der Klinik. Ich kann keine Klinik mehr sehen. Jetzt Reue. Wieder Schmerzen als würde die untere Wirbelsäule mit Feuer gebrochen. Die Beine schmerzen, die Füße kribbeln. Die Hexenküche im Körper. Gott, bitte hilf, ich schreibe jetzt, weil ich es sonst nicht aushalte. Gisela ist aus LA zurück. CBD auch da. Gestern eine Pipette genommen und später in der Nacht Tillidin. Nichts hat geholfen, der Schmerz wütet weiter. Versuche Dr. F zu erreichen. Er meldet sich sonst unmittelbar. Geduld.

Zwischenzeitig bis Montag vier Tage in der Klinik. Prof. H. mitfühlend und präsent. Ich weine als die Tür aufgeht und ich ihn sehe. CT noch am selben Tag. Maria Himmelfahrt. Ich habe Nachts Katadolon genommen und fast schmerzfrei. Als mich der Pfleger in die CT Röhre (harmlos) schiebt und ich ihn um ein Handyfoto für mein Tagebuch bitte, muss ich lachen, Selfie bis zum Letzten. Aber es retet mich auch.

Gleicher Befund wie beim MRT drei Wochen vorher. Progredienz aber kein Wirbeleinbruch wie befürchtet oder Spitalverengung. Ich bekomme Ibubrofen und Psychopharmaka. Letztere soll erst in zwei Wochen helfen. Diagnose Depression.

Aber nach dem heftigen weinen und den Schmerztabletten geht es mir wieder so gut, dass ich nach hause kann. Hier auch noch ein Tag gut, dann wieder diese rasenden Schmerzen im der Unteren Wirbelsäule, rüber zur Hüfte und Oberschenkelgelenk. Folterqualität. Mein Gott, bitte hilf mit. Ich bin nicht mehr böse auf Dich. War eine Verwechselung. Bitte verzeih mir, verzeih mir, verzeih mir. Oh Lord. Bitte verzeih. Ich gestehe alle meine Fehler ein.

 

Auch wenn ich nicht so bibelfest bin, so einige Stellen fallen mir doch ein. Und Stellen aus anderen Heilige Bücher auch. Warum wollte ich denn bloß nie hören? Werde jetzt weich geklopft. Kann ich dafür danken? Noch nicht, im Moment, bin ich nur ein Bündel Schmerze, nur Körper, wo ist die Seele? Kann ich sie herschreiben, erinnernd, dass ich die Gewissheit habe, dass alles Leben beseelt ist, so ich auch.

 

Mein ganzer Körper zittert. Nehme jetzt Katadolon. Versuche noch einmal Dr. Fischer zu erreichen. Es hilft zu schreiben, schreibe gerade um mein Leben. Mir egal, dass ich mich dauern wiederhole, ich brauche Hilfe. Das Hilft, es ist so, als wende ich mich an die ganze Welt. And die Freunde. Bitte seid mit mir, ich leide, es sind starke Schmerzen. Es ist mein Privileg zu schreiben, zu klagen, ich bin mir grausam bewusst, was im Nahen Osten gerade passiert, wie im Namen Gottes getötet, gequält wird, der Tot sein blutiges Schwert bis in unsere Einkaufzentren und Wellnessoasen schwenkt; er ist real und fürchterlich.

 

Welch ein Privileg hier zu sitzen, Schmerzmittel zu bekommen, mich auf das Ende vorbereiten zu können, abzuwickeln, was noch abzuwickeln ist und wenn ich manchmal schmerrzfreier bin, mich fast noch normal zu fühlen. Es gab viele gute Tage zwischen den Zeiten, in denen ich nicht geschrieben habe, bisschen auf fb rumgedaddelt bin, als sei nichts. Dabei lag ich da meistens auch mit Schmerz. Willkommene Abwechslung, so zu tun als sei nichts. Das war meine Absicht, ich lebe jetzt so, als sei ich gesund, als wären die Schmerzen Muskelkater, bis ich es im Fitnessstudio wahrscheinlich übertrieben habe. So gesund war ich denn doch nicht.

 

Jetzt fressen die Krebszellen mal schneller und mal langsamer mein Skelett auf. Wie es scheint unaufhaltsam, nichts hilft. Doch Liebe hilft und gute Schmerzmedizin. Ich kriege beides aber noch nicht richtig hin.

Und immer noch möchte ich Leben, möchte ich Heilung, zumindest einen Stopp. Ich habe noch nicht unterschrieben.

 

Oh Lord, reine Seele, segne mich mit solcher Gnade, dass sich dieses Gefühl des Getrenntseins von dir auflöst und ich Einsein erlange. Segne mich mit Mut und Kraft, dass ich diese schmerzhafte Reise gut bewältige und schick mir auch die nötigen Hilfsmittel, wenn ich schwach bin. Denn das bin ich.

Katadolon genommen. Zu Dr. F. Versuche einen Zugang in die Venen zu bekommen. Es geht nicht mehr. Ich spüre wie sie durchbrechen. Scharfer, brennender Schmerz. Ich schreie etwas, was ich sonst nicht tue. Heute geben wir nach dem vierten Versuch auf. Trotzdem hat die Behandlung etwas tröstendes.

Katadolon wirkt nur etwas. Aber der Schmerz ist nicht mehr so verwüstend. Fühl mich gleich als Mensch, der eine Perspektive hat. Diese ist erstmal Hirsenudeln kochen und Tomatensosse aus frischen Tomaten. Und anschliessend neue Strategien ersinnen. Ich brauche eine durchgehende Schmerztherapie und nicht mehr die Abstürze in die das Schmerzpurgatorium. Vielleicht doch die Morphinpflaster. Langsam einschleichen, eine Woche explosionsartiges Kotzen in Kauf nehmen, aber danach hat der Körper adaptiert und die Laune sich gelichtet. Hoffe ich. Oder setze ich darauf? Ja, ich werde es in Angriff nehmen.

Telefonat mit Christa, wir schaffen es immer mehr freundlich miteinander zu bleiben.

Brigitte gestern vorbeigekommen, habe Blaubeersmoothie gemacht. Blieb auch freundlich.

 

 

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